12. August 2002 - es regnet
Diesen Tag werden wir nie vergessen – er begann so harmlos wie jeder andere....
Wie jeden Tag gingen wir unserer Arbeit nach. Die Termine zur Abgabe der Fördermittel rückten immer näher und die Vorbereitungen auf unser Haus – und Hoffest liefen auf Hochtouren. Nur das schlechte Wetter war etwas seltsam bedrückend. Es regnete, wie es wohl noch niemand von uns in dieser Intensität erlebt hatte. Wenn wir aus dem Fenster schauten, sah es fast so aus, als ob es schneit; lange weiße Fäden zogen sich dicht aufgereiht vom Himmel. Gegen Mittag machte sich zum ersten Mal einunangenehmes Gefühl bemerkbar, welches zwar nicht recht zu definieren war, aber doch scheinbar jeden von uns befiel.Wir begannen im Viertelstundentakt die Wasserstände der in unmittelbarer Nähe des Gebäudes vorbeifließenden Weißeritz zu begutachten. Wenn auch stark strömend und ungeheuer viel Wasser führend, so befand sich der Fluß noch in seinem Bett. Noch.
Wir begannen aus reiner Vorsichtsmaßnahme die Kellerräume von uns wichtig erscheinenden Gegenständen zu beräumen. Im Radio meldete der Verkehrsdienst, daß einige Straßen im Gebirge wegen Überflutung inzwischen gesperrt seien. Gespannt folgten wir jeder Radiomeldung, welche jedoch nur insofern entfernt bedrohlich erschienen, daß die Niederschläge erst am Mittwoch nachlassen sollten.
Bis zum Feierabend wechselten die Gefühle zwischen Angst und Zweckoptimismus – und entsprechend fielen auch die Arbeiten aus. Am späten Nachmittag waren alle Gegenstände aus dem Keller in das Erdgeschoß geräumt worden. Noch vor dem Arbeitsende stellten wir eine „Einsatzgruppe“ zusammen, welche am Abend nochmals die Räumlichkeiten kontrollieren, bei Wassereinbruch den Keller ausschöpfen und gegebenenfalls weitere Kräfte mobilisieren sollte.
Die Alltäglichkeit hielt uns noch in ihrer bleiernen Umarmung und die üblichen Abläufe vermittelten ein Stück Normalität.
Bei der Verabschiedung hat wirklich niemand auch nur im Entferntesten geahnt, unter welchen katastrophalen und dramatischen Umständen wir uns Stunden später wiedersehen sollten.
In den späten Abendstunden des 12.08.2002 erfolgte als Auftakt eines schrecklichen Szenarios die Evakuierung der Pienner Straße.
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Da die Talsperre Klingenberg die unvorstellbaren Wassermassen nicht mehr aufnehmen konnte und sich somit die Gefahr eines Bruches der Staumauer mit unvorhersehbaren Folgen abzeichnete, mußte diese in den frühen Morgenstunden des 13. August geöffnet werden. Durch das ehemals idyllisch malerische Badetal bewegte sich nach Zeugenaussagen eine bis zu 5 Meter hohe Flutwelle. Die entfesselten Wassermassen stürzten zu Tal und rissen Bäume, Häuser, Gesteinsmassen, Autos und Schlamm mit sich.
Die vergangene Nacht hatte jeder von uns anders verbracht. Einige von uns hatten, gezwungen von den Naturgewalten, die Nacht bereits in Notquartieren oder bei Verwandten verbracht. Andere hatten in relativ sicheren Gebieten gerade so erfahren, daß Tharandt ohne Strom und Telefonverbindung war. Auf dem Weg zur Arbeit wurden dann auch die letzten Optimisten mit der traurigen Realität konfrontiert.
Ein unauslöschliches Bild des Grauens bot sich jedem, der sich in die unmittelbarer Nähe des ehemaligen Flußbettes wagte. Eine Straße zu unserem Vereinshaus gab es nicht mehr. Da, wo gestern noch Autos fuhren, tobte ein reißender Strom und spielte mit Baumstämmen wie mit Sreichhölzern. Uns wurde in aller Deutlichkeit schmerzlich klar, daß die Wilde Weißeritz nur zu Recht ihren Namen trägt. Und sie allein beherrschte noch für die folgenden Tage das Geschehen.
Hilflos mußten wir mit ansehen, wie Wassermassen mit einer nie vermuteten Kraft Jegliches zerstörte, was sich ihnen in den Weg stellte.
An diesem Tag war es nicht möglich durch das unkontrolliert tobende Wasser zur Kuppelhalle zu gelangen.
Geschockt von diesen Bildern, welche sich wie Alpträume in unser Bewußtsein brannten, verging dieser Tag im Ausnahmezustand. Kontakte waren einfach nicht möglich. Im Krisengebiet verkehrte kein Bus, kein Zug, kein Auto – der elektrische Strom wird bis zu 14 Tagen abgeschalten bleiben.
Und selbst noch nicht aufgebrauchte Akkus in den Handys helfen wenig, um an weitere Informationen zu gelangen. Die Funksysteme sind logischerweise durch Rettungs- und Katastrophendienste überlastet.
Immer wieder schauen wir ungläubig auf die vom Wasser eingeschlossene Kuppelhalle. Über zehn Jahre durch Ehrenamt und Energie Geschaffenes – in wenigen Stunden für immer zerstört!
Fast lethargisch müssen wir ausharren, bis uns der Fluß unseren Lebensraum zurückgibt.

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14.August 2002 - starke Gefühle
An diesem Tag hatte sich das Wasser soweit zurückgezogen, daß es gelang, in einem Feld von Verwüstung, Schlamm und Geröllbergen bis zum Jugend- und Vereinshaus vorzudringen.
Konfrontiert mit dem Ausmaß der Zerstörung schrieben wir eine traurige Bilanz. Das gesamte Erdgeschoß stand zur Zeit der Flut etwa 80 cm kompett unter Wasser. Alle Gegenstände, die wir vermeintlich aus dem Keller in Sicherheit gebracht hatten, waren unbrauchbar. Der Keller, welcher komplett geflutet war, stand noch vier Wochen später bis zur Hälfte voll Wasser. Das hohe Grundwasser drückte immer wieder nach und ein völliges Leerpumpen war aus statischen Gründen nicht möglich.
Die gesamten Außenflächen waren vom Hochwasser verwüstet, das Mauerwerk völlig durchnässt.
In den Büros, Technikräumen, der Küche, dem Barbereich, dem Veranstaltungsaal, den Kursräumen und der Kunstgalerie wurde fast das gesamte Inventar vernichtet.
Eine dicke Schlammschicht, von der ein penetrant widerlicher Gestank ausging, durchzog alle Räume.
Noch nie in unserem – zum Teil noch jungen Leben – wurden wir von einer derartigen gewaltigen Facette von Gefühlen erfasst.
Es würde Bücher füllen und dennoch könnte nicht das gesamte Spektrum der erlebten Gefühle vermittelt werden.
Der Mut der Verzweiflung ließ uns Arbeiten in einem Ausmaß verrichten, welche wir uns bei einer rationalen Betrachtungsweise selber niemals zugemutet hätten. Gefangen in einem Alptraum erlebten wir aber auch etwas, was wir unter normalen Lebensumständen nicht einmal zu träumen gewagt hätten – plötzlich waren fremde Menschen da und halfen mit ihren Händen, aber auch materiell und finanziell.
Gemischt mit dem Gefühl alles verloren zu haben wuchs die fantastische Erfahrung der Zusammengehörigkeit. Gemeinsam mit uns bis zu diesem Zeitpunkt unbekannten Menschen erlebten wir eine praktische Form der Vereinigung deutscher Bundesländer. Schade, daß es dazu in dieser Gänze erst dieser Umweltkatastrophe bedurfte.
Aus dem Interesse an unserem Haus und durch die erfahrene Hilfsbereitschaft schöpften wir die weitere Kraft zum Wiederaufbau der Kuppelhalle Tharandt. |